Eine Predigt, die es in sich hat ...

Am 21.10.2018 hat der Pastoralreferent Dietmar Müßig im Rahmen der Familienmesse eine Predigt gehalten, die sich mit dem Thema Macht und Missbrauch in der Kirche beschäftigt. Da die Predigt auf große Resonanz gestoßen ist, möchten wir sie an dieser Stelle einem größeren Leserkreis zur Kenntnis geben.

 

 

Bei euch aber soll es nicht so sein! Predigt zu Mk 10, 35-45

Mitten aus dem Leben gegriffen ist, was Markus im heutigen Evangelium erzählt: Da ist Jesus mit seinen Jünger*innen auf Weg nach Jerusalem, und unvermittelt nähern sich ihm zwei Brüder mit der Bitte, doch bald links und rechts von seinem Thron Platz nehmen zu dürfen. Vielleicht, so ihr Hintergedanke, kommt es ja in der heiligen Stadt zur Machtübernahme durch den Messias und da kann es nicht schaden, wenn man sich schon mal die besten Plätze reserviert. Ganz unverblümt stellen sie die Frage nach der Macht. Und ganz unverblümt ist auch die Antwort Jesu: Die politischen Herrscher unterdrücken ihre Völker. Und die Mächtigen „missbrauchen ihre Macht über die Menschen“. Wie aktuell diese Worte Jesu sind, hat die Studie gezeigt, die vor kurzem von den deutschen Bischöfen veröffentlicht worden ist. Ihr zufolge haben allein im Bistum Hildesheim 150 Menschen durch Priester sexuelle Gewalt erfahren. 46 Seelsorger haben ihre geistliche Macht missbraucht, um die eigene, oft krankhafte Sexualität an unschuldigen Kindern auszuagieren. Jungen Menschen wurde ein solches Maß an körperlicher und seelischer Gewalt angetan, dass der viele von ihnen bis heute darunter leiden - in Sorsum, im Bistum Hildesheim und auf der ganzen Welt. „Männer Gottes“, so hat es unser Bischof Heiner Wilmer jüngst auf den Punkt gebracht, „haben das Böse in die Welt gebracht“.

Natürlich kommt sexualisierte Gewalt auch in anderen Institutionen wie Schulen oder Sportvereinen vor. Aber die Bedingungen, die sie ermöglichen, sind in der katholischen Kirche ganz besonders ausgeprägt: Orden oder Heime stellen geschlossene Systeme dar, in denen wenig nach außen dringt. Die Kirche funktioniert als hierarchisches System, in dem man Autoritäten Gehorsam schuldet. Und sie ist ein ideologisches System. Dort wird Macht religiös begründet, als heilig deklariert und in der Folge unangreifbar. Ja, Macht wird tabuisiert. Real existierende Machtgefälle werden weggeredet. So bezeichnen sich die Päpste bis heute als Diener der Diener Gottes. Und das Amt der Priester wird gerne als Dienst bezeichnet, obwohl uns der Umgang manch selbstherrlicher Pfarrherren mit „ihren Schäfchen“ eines anderen belehrt.  

Macht ist ein Faktum. Sie existiert immer und überall. Und sie ist höchst ambivalent. Genau deshalb wird sie tabuisiert. Dabei kann keine Tischlerei und keine Autowerkstatt funktionieren, ohne dass es dort jemanden gäbe, der sagt, wo es lang geht. Jeder Verein hat seinen Vorstand und jeder Staat braucht eine Regierung. Leitung ist nötig. Und Macht ist nicht zwangsläufig schlecht. Es kommt vielmehr darauf an, wie sie ausgeübt wird. Genau deshalb muss über Macht gesprochen werden. Man muss sich darauf verständigen, welche Bedingungen jemand erfüllen muss, der sie übernimmt, wie lange sie ausgeführt werden soll und auf welche Art.

In der Kirche sind solche Fragen wichtiger denn je. So ist es heute nicht mehr selbstverständlich, dass Ämter rein hierarchisch verliehen werden.  In unseren evangelischen Schwesterkirchen zum Beispiel werden die Bischöf*innen gewählt. Dass dies eine gute biblische Tradition ist, davon zeugt die sog. Nachwahl des Matthias, der nach dem Selbstmord des Judas in den Kreis der Apostel gewählt wird. Und muss die Macht immer nur in der Hand eines einzigen liegen? Das Neue Testament kennt vielfältige Formen von kollegialer Leitung wie Ältestenräte und Presbyterien. Warum werden Ämter nicht an mehrere Personen und zeitlich befristet vergeben? In der französischen Diözese Poitiers beispielsweise werden Leitungsaufgaben nur noch an Teams und mit einer klaren zeitlichen Befristung vom Bischof verliehen. Warum ist Gemeindeleitung bei uns nur durch Zölibatäre möglich, wo doch die Ostkirche seit Jahrhunderten verheiratete Priester kennt? Und warum können keine Frauen zu Priesterinnen geweiht werden? Wer dies mit dem Argument ablehnt, dass Jesus ein Mann war, dürfte bis heute niemanden zum Priester weihen, der nicht zuvor nach jüdischem Ritus beschnitten worden wäre.

          „Bei euch aber soll es nicht so sein!“ Mit diesen Worten hat Jesus seine Anhänger*innen dazu aufgerufen, ihr Zusammenleben auf eine ganz neue Weise zu organisieren, jenseits der gängigen Formen von Ausbeutung und Unterdrückung. Die frühe Kirche hat diese Worte des Wanderpredigers aus Nazareth beherzigt. So erzählt uns die Apostelgeschichte davon, dass diejenigen, die gläubig geworden waren, kein Privateigentum gehabt, sondern alles gemeinsam besessen hätten (Apg 4,32). Erst als im vierten Jahrhundert die Kirche zur Staatsreligion wurde ging ihre radikale Abgrenzung von der heidnischen Welt verloren. Und im 19. Jahrhundert hat sich die katholische Kirche schließlich sogar als perfekte Gesellschaft verstanden, die als „allein selig Machende“ dem Rest der Menschheit zu erklären hatte, wo es langgeht. Doch wer die Kirche als allwissende Mutter und das Lehramt als unfehlbar versteht, gerät schnell in gefährliches Fahrwasser. Gerade weil sie meinten, das Ansehen einer vermeintlich perfekten Kirche über das Leid der Opfer stellen zu müssen, haben Kirchen-Obere über Jahre hinweg geschehenes Unrecht vertuscht, Verbrecher gedeckt und sog. „Nest-Beschmutzer“ unter Druck gesetzt. Dies ging umso leichter, als die interne Struktur der katholischen Kirche ja bis heute als Monarchie funktioniert. Das Kirchenrecht erlaubt es dem Bischof, wie ein mittelalterlicher König zu regieren. Und auch die Liturgie spiegelt oft ein solches Kirchen-verständnis wider. Denken Sie nur an den Ritus der Weihe von Bischöfen, wo die weltlichen Symbole der Macht wie Thron, Krone und Zepter ersetzt worden sind durch Kathedra, Mitra und Stab. Manche empfinden dies heute als unerträglichen Klerikalismus, andere finden es einfach nur schön.

Dieses Beispiel macht deutlich, wie Macht auch funktioniert. Nicht nur linear, von oben nach unten, wie es der Soziologe Max Weber am Anfang des vergangenen Jahrhunderts beschrieben hat und wie es in den Fällen sexualisierter Gewalt in der Tat geschieht, wo der Überlegene seine Macht physisch oder psychisch brutal durchsetzt. Macht verläuft oft auch quer. Der französische Philosoph Michel Foucault hat sie als ein Geflecht beschrieben, das alle Bereiche unserer Gesellschaft durchzieht. Das Spiel der Macht, so könnte man ihn zusammenfassen, funktioniert nur, solange „die da unten“ mitspielen. Sobald Macht von den Untergebenen hinterfragt wird, beginnt sie zu bröckeln. „Die als Herrscher gelten, unterdrücken ihre Völker“ - mit dieser subtilen Differenzierung hat Jesus den Macht-Anspruch der politischen Herrscher seiner Zeit hinterfragt. Ist es also so schlimm, wenn heute Menschen den Macht-Anspruch der Kirche hinterfragen? Oder wenn viele von ihnen schon längst mit Füßen abgestimmt haben angesichts des Übermaßes an Arroganz und Doppelmoral, die sie dort immer wieder erleben müssen? Bei genauerer Betrachtung erweist sich die Klage über den verlorenen Einfluss der Kirche in der modernen Gesellschaft oft als Klage über den Verlust der Macht. Doch darf es uns wirklich um Macht gehen?

„Bei euch aber soll es nicht so sein!“ So lautet die Devise des Mannes aus Nazareth. Sie kann uns dazu ermutigen, uns schonungslos dem eigenen Fehlverhalten zu stellen. Denn nur, wenn wir ehrlich werden mit uns selbst und glaubwürdig um Vergebung bitten, können wir heute Menschen von der Botschaft Jesu überzeugen. Wir haben gesehen, wie eng Machtfragen mit dem eigenen Kirchenbild verbunden sind. Die Väter haben für die Kirche ein paradoxes und doch treffendes Bild gewählt. Sie sei casta meretrix, also eine keusche Hure. Wie überall, wo Menschen am Werk sind, gibt es auch in der Kirche immer beides: Gutes und Böses. Das zuzugeben, ist der Beginn der so dringend nötigen Veränderung. Und was uns dabei helfen kann, ist das Wissen, dass die Kirche kein Selbstzweck ist, sondern Zeichen und Werkzeug für das Reich Gottes. Es geht nicht darum, möglichst viele Menschen in die Kirche hinein zu holen. Vielmehr sollen wir hinausgehen und gemeinsam mit den Menschen entdecken, dass das Reich Gottes längst mitten unter uns ist.

Dazu bedarf es heute ganz neuer Formen; nicht nur bei der Gestaltung des Amtes. Vielmehr brauchen wir eine komplett neue Sprache, die die Menschen von heute verstehen. Wir brauchen Zeichen, die in unserer modernen Gesellschaft gedeutet werden können und eine Praxis, die glaubwürdig ist. Papst Franziskus hat es in seinem Rundschreiben Laudato si´ folgendermaßen ausgedrückt: „Das Christentum selbst denkt in Treue zu seiner Identität und zum Schatz der Wahrheit, den es von Jesus Christus empfangen hat, stets neu über sich nach und bringt sich immer wieder im Dialog mit den neuen geschichtlichen Gegebenheiten zum Ausdruck. So lässt es seine ewige Neuheit erblühen“ (LS 121). Um die Botschaft Jesu zu bewahren, muss sich die Kirche also immer wieder neu erfinden: Fangen wir am besten heute noch damit an!

Dietmar Müßig

St. Kunibert, Sorsum

 21.10.2018